16
Am nächsten Morgen verließ Claire mit ihren restlichen Euros das Haus und fuhr in die Stadt, um das Geld zu wechseln und ein paar Lebensmittel für sich und frische Sachen zum Anziehen für sie beide zu besorgen. Reichen blieb zurück und versuchte, nicht zu paranoid zu sein angesichts der möglichen Gefahren, die an jeder Straßenecke oder Gasse auf sie lauerten.
Er hatte versucht, sie zu überreden, damit bis zum Abend zu warten, wenn er sie begleiten konnte - nur für den Fall, dass es unterwegs Schwierigkeiten gab.
Aber sie hatte ihn mit einem Blick zum Schweigen gebracht und ihn allein in diesem riesigen, leeren Haus sitzen lassen.
Er hatte vergessen, wie unabhängig sie war, und irgendwie bewunderte er sie auch dafür, dass mehrere Jahrzehnte unter Roths Fuchtel ihr nichts von ihrem selbstständigen Geist genommen hatten.
Aber Sorgen machte er sich trotzdem.
Er wusste, solange die Sonne alle Angehörigen seiner Art nach drinnen verbannte, war sie vor Roth, Dragos oder jedem anderen Stammesvampir in Sicherheit. Doch seine fürsorgliche Seite - der Teil von ihm, der erst noch akzeptieren musste, dass er nun keinen Dunklen Hafen mehr leitete und keine Verantwortung mehr trug, sein Zuhause und seine Familie vor Schaden zu bewahren - konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Claire da draußen ohne seinen Schutz unterwegs war. Sie war zu kostbar und zu anfällig in einer Welt voller verborgener Gefahren. Sie war ein Schatz, der um jeden Preis erhalten werden musste.
Und sie gehörte... nicht ihm.
Verdammt, daran musste er sich immer wieder erinnern, besonders seit letzter Nacht. Sie hatten einen unglaublichen Abend miteinander verbracht, sich geliebt in dem Wohnzimmer mit Blick auf den Atlantik und dann noch einmal oben, auf dem Himmelbett in dem palastartigen Schlafzimmer, das Claire als junge Frau im Haus ihrer Großmutter bewohnt hatte. Und dann noch einmal diesen Morgen vor Tagesanbruch, nachdem sie aufgestanden war und kontrolliert hatte, dass all die Läden und Vorhänge fest geschlossen waren, um ihn vor der Sonne zu schützen.
Er wäre ihr gern in die Dusche gefolgt, bevor sie aufgebrochen war, um ihre Einkäufe zu erledigen, aber sie hatte ihn sanft gerügt, sich zu gedulden, sie würden später noch jede Menge Zeit zusammen haben.
Aber diesen Luxus hatten sie nicht, und er wusste es. Es war einfach, sich vorzustellen, dass ihr Wiedersehen - diese Atempause in idyllischer Umgebung, ohne ständig an die Schrecken erinnert zu werden, die sie in Deutschland hinter sich gelassen hatten - ewig dauern konnte.
Denn das konnte es nicht.
So gut es sich auch anfühlte, wieder mit Claire zusammen zu sein, sie konnten nicht mehr lange in Newport bleiben. Solange Roth nicht gefunden und ausgeschaltet war, musste sie an einen sicheren Ort, weit aus seiner Reichweite. Das würde ihr gar nicht gefallen, aber solange Roth am Leben und in der Lage war, sie in die Hand zu bekommen, musste sie unter den Schutz des Ordens gestellt werden, und zwar je eher, desto besser.
Und was ihn selbst anging, gab Reichen jede Minute, die er nicht mit der Suche nach Roth beschäftigt war, dem Bastard Gelegenheit, sich tiefer einzugraben, wo auch immer er steckte, und seine Machenschaften fortzusetzen, vermutlich sogar zusammen mit Dragos. Reichen wusste, er sollte eigentlich jeden wachen Moment und all seine Kräfte daransetzen, Roth aufzuspüren. Rache brannte immer noch in seinen Eingeweiden, und sein Problem mit Wilhelm Roth war nicht einfach aus der Welt geschafft, nur weil er jetzt Claire hatte, die ihm Herz und Bett wärmte.
Ein Stammesvampir, der so abgrundtief bösartig war wie Roth, durfte nicht am Leben bleiben. Und schon gar nicht, wenn er womöglich vorhatte, Claire dafür zu bestrafen, dass sie sich wieder in Reichens Leben hatte hineinziehen lassen.
Diese düsteren Gedanken waren es, die ihn dazu brachten, nach dem Handy zu greifen, das Tegan ihm gegeben hatte. Er drückte die letzte Kurzwahltaste.
Gideons Stimme mit dem leichten britischen Akzent meldete sich schon nach dem zweiten Klingeln.
„Was gibt's?“, fragte er putzmunter, trotz der Störung am frühen Morgen.
„Ich bin's, Reichen. Entschuldige, dass ich letzte Nacht nicht mehr angerufen habe.“
„Kein Problem. Wo bist du?“
Noch nackt nach dem Duschen, lehnte er sich auf einem verhüllten Stuhl zurück.
„Newport, Rhode Island.“
„Hast du deine Frau gefunden?“
„Ja“, antwortete Reichen und hielt sich nicht damit auf, klarzustellen, dass sie gar nicht seine Frau war.
„Alles bestens. Claire ist in Sicherheit und ich auch.
Habt ihr schon etwas über Roth herausgefunden?“
„Noch nicht, aber wir sind dran. Ich verfolge eben ein paar internationale Spuren. Glaub mir, wir sind genauso wild darauf, uns diesen Bastard zu kaufen wie du. Er dürfte momentan unsere einzige Verbindung zu Dragos sein, also klemmen wir uns mächtig hinter jeden einzelnen Informationsschnipsel, den wir über ihn bekommen.“
Als Gideon redete, spürte Reichen wieder, dass er eigentlich dort sein sollte. Zusammen mit den Kriegern sollte er jeden Stein umdrehen, bis sie Roths Aufenthaltsort gefunden hatten, und ihnen helfen, den Bastard auszuräuchern. Er brannte darauf, das zu tun, ihm juckten die Finger vor lauter Drang, das Leben aus Roth zu würgen für alles, was er getan hatte.
„Also, was ist da drüben in Newport los?“, fragte Gideon. „Sitzt du da noch eine Weile fest?“
„Nein“, sagte er, zerrissen zwischen dem, was sein Herz wollte, und dem, was seine Pflicht ihm abverlangte. „Es wird keine weiteren Verzögerungen geben. Ich muss hier noch ein paar Dinge klären, aber Claire und ich können heute Nacht startbereit sein, wenn jemand kommen und uns abholen könnte.“
„Kein Problem. Ich schicke euch einen von den Jungs raus, er dürfte etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang dort sein.“
Reichen runzelte die Stirn und berechnete die kurze Zeitspanne, die ihm noch blieb, um Claire die Neuigkeiten beizubringen, dass er sie aus ihrem Zuhause reißen würde - schon wieder.
„Ich brauche dafür noch etwas mehr Zeit, Gideon.
Claire weiß nicht, dass ich dich angerufen habe oder dass sie Newport heute Abend verlassen wird. Sie musste eben erst einen vergoldeten Käfig verlassen; ich habe so eine Ahnung, dass es ihr gar nicht gefallen wird, in einen neuen gesteckt zu werden.“
„Ach.“ Der Krieger stieß einen flachen Seufzer aus.
„Von wegen ein paar Dinge klären, was? Na, dann viel Glück dabei.“
„Danke“, erwiderte Reichen. Er wusste, dass er dieses Gespräch irgendwann mit Claire führen musste, aber gleichzeitig graute ihm schon davor. „Ich melde mich später, wenn wir bereit zum Aufbruch sind.“
Als er das Telefonat beendete, glitt die Haustür auf.
Claire kam herein, spähte zuerst vorsichtig ins Haus, um sicherzugehen, dass er nicht in dem Streifen Tageslicht stand, das um sie herum hereinflutete.
„Hallo“, sagte sie lächelnd, nachdem sie die Tür geschlossen hatte und er aufstand, um sie zu begrüßen. „Du bist nackt.“
„Und du solltest es sein“, sagte er, verblüfft, wie schnell sein Körper auf ihren bloßen Anblick reagierte. „Wie war's beim Einkaufen?“
„Erfolgreich.“ Sie hob zwei gefüllte Lebensmitteltüten in einer Hand und eine Armvoll Kaufhaustüten in der anderen.
„Eine davon gehört dir“, sagte sie und hielt ihm die Tüte mit dem Logo eines Herrenausstatters hin. „Dann ist da noch eine mit Bettwäsche, und der Rest ist für mich. Ich kann es kaum erwarten, etwas Frischeres anzuziehen als diese muffigen alten Sachen von zu Hause.“
Reichen ging auf sie zu, seine Absichten waren nur allzu eindeutig. „Ich denke, ich sollte dir zur Hand gehen.“
Das Lächeln, mit dem sie ihm antwortete, war lebhaft und spielerisch. Es brachte ihn fast um, wenn er daran dachte, dass er ihr dieses Lächeln wieder nehmen musste. „Dazu musst du mich erst mal haben.“
Sie ließ die Lebensmitteltüten im Foyer fallen und sauste die Treppe hinauf, die Tüten mit den Kleidern raschelten an ihrer Seite. Reichen stürzte ihr nach, kam mit einem Schritt so weit wie sie mit drei. Auf halbem Weg zum zweiten Stock fing er sie ein, ihr erschrockener Aufschrei löste sich in Gelächter auf... und wurde wenig später zum atemlosen Stöhnen und Seufzen einer nach allen Regeln der Kunst befriedigten Frau.
Als Claire sich am Abend nach einer langen, heißen Dusche trocken rubbelte, summte ihr Körper immer noch von den Stunden, die sie und Andreas sich leidenschaftlich geliebt hatten. Sie ging aus dem Badezimmer ins angrenzende Schlafzimmer hinüber, wo er sich wie ein nachlässiger König auf dem Bett räkelte, ein langes, muskulöses Bein bis zum Rand der Matratze ausgestreckt, das andere lässig angewinkelt. Er hatte sich auf die Kissen gestützt, den rechten Arm hinter dem Kopf verschränkt. Die Glyphen auf Rumpf, Armen und Schenkeln pulsierten immer noch farbig, verblassten jedoch bereits langsam zum Goldton seiner Haut.
Und sein Schwanz war selbst in schlaffem Zustand beeindruckend.
Sie konnte einfach nicht genug davon bekommen, ihn nackt zu sehen; das brachte sie immer völlig aus dem Konzept, und sie musste innehalten, um ihn zu bewundern. Seine leicht gekräuselte Lippe verriet, dass er ganz genau wusste, was sein Anblick in ihr auslöste, und sein männliches Ego - von anderen Körperteilen ganz zu schweigen - war stolz, so regelmäßig bemerkt und geschätzt zu werden.
Claire durchbrach den Bann, den sein nackter Körper über sie ausübte, und ging hinüber, um die frischen Kleider zu holen, die sie für sich bereitgelegt hatte. Während sie die Etiketten von der Jeans und dem hellgrauen Pullover entfernte, warf sie ihm einen ironischen Seitenblick zu.
„Du bist gar nicht gut für mich, weißt du das?“
„Kann man wohl sagen“, erwiderte er, aber während sie Spaß gemacht hatte, wirkte er grimmig ernst. Er schien irgendwie abwesend, niedergedrückt von finsteren Gedanken. Sie wollte ihn schon fragen, was er hatte, als er vom Bett aufstand und auf sie zukam, einen schwarzen Wollrock in der Hand. „Zieh den heute Nacht an statt der Jeans. Und die hohen Stiefel mit den Absätzen.“
Sie sah zu ihm auf, unsicher, was das zu bedeuten hatte. „Ich will dich ausführen. Du kannst mir deine alte Heimatstadt zeigen.“
„Du willst mit mir ausgehen?“, fragte sie, entzückt von der Idee.
Sie wunderte sich ein wenig über die Tatsache, dass der ganze Tag vergangen war, ohne dass Andreas Wilhelm Roth erwähnt hatte oder seine Geschäfte mit dem Orden, die ihn immer noch in Boston erwarteten. Claire wollte nicht, dass diese Dinge in ihre Zeit zusammen einbrachen, aber sie war nicht so naiv zu denken, dass ein paar Stunden Sex - absolut wahnsinniger Sex - ihn die Rache vergessen lassen würden, die ihn antrieb.
Als sie jetzt zu ihm aufsah, spürte sie einen kurzen Anflug von Sorge, dass diese schöne Zeit vielleicht nur die Ruhe vor dem Sturm war. Dass sie aufwachen und erkennen würde, dass diese kurze Flucht mit Andreas nur ein Traum gewesen war. Diese perfekten Stunden konnten jederzeit abrupt zu Ende sein.
Aber Andreas' Lächeln war jetzt genauso charmant wie immer, besonders jetzt, da ihr Körper nach dem Sex immer noch erhitzt war und summte. „Es ist lange her, dass ich dich in aller Form ausgeführt habe, Claire. Willst du?“
„Ja.“ Sie nickte begeistert. „Und wie.“
„Zieh dich an“, sagte er. „Ich dusche mich und treffe dich unten.“
Aufgeregt wie ein Schulmädchen vor der Verabredung mit einem neuen Schwärm, fuhr Claire in Rock und Pullover, zog die Reißverschlüsse der sexy schwarzen Stiefel zu und schwebte ins Wohnzimmer hinunter, um dort auf ihn zu warten.
Als er einige Minuten später hinunterkam, frisch geduscht, rasiert und angezogen, sein braunes Haar feucht und zerzaust, machte Claires Herz einen kleinen Sprung. Er sah umwerfend aus in den anthrazitgrauen Hosen und dem schwarzen Seidenhemd, die sie ihm gekauft hatte. So was von umwerfend, dass sie ihn am liebsten sofort wieder nackt ausgezogen und vernascht hätte.
„Fertig?“, fragte er.
Sie nickte und nahm seine ausgestreckte Hand. Es war eine angenehme Nacht, kühl, aber klar, als sie den kurzen Weg zu Fuß in die historische Altstadt von Newport gingen. Es hatte sich viel verändert, seit Claire vor gut zwanzig Jahren zum letzten Mal zu Hause gewesen war. Altmodische Boutiquen, Tante- Emma-Läden und billige Schnellrestaurants waren Hotels und Ferienwohnungen, Bekleidungsketten und Nobelrestaurants gewichen.
Aber stellenweise war ihre alte Heimatstadt immer noch wie früher, sogar unten bei den Kais, Claires Lieblingsplatz in Newport. Der Hafen war ein magischer Ort, besonders nachts.
Auf der dunklen, einströmenden Flut schaukelten Seite an Seite Millionärsjachten und Segelboote, vertäut neben alten Fischkuttern und den allgegenwärtigen Touristenbooten. Galerien, Geschäfte und Restaurants säumten die gepflasterten Fußgängerwege, die zu den Anlegestegen führten, alles war in weiches gelbes Licht getaucht und vibrierte vom Lachen und den Gesprächen der vielen spätherbstlichen Touristen, die bummelten und stöberten, genau wie Claire und Andreas.
Hier draußen, in dieser riesigen anonymen Menschenmenge, so weit entfernt von den Schrecken des Lebens, das sie erst vor wenigen Nächten hinter sich gelassen hatte, konnte Claire fast die Augen schließen und sich eine Zukunft vorstellen, in der Frieden herrschte. Umso besser, wenn ihre Hand sanft in Andreas' starkem Griff gefangen war. Wenn er so wie jetzt an ihrer Seite war, konnte sie sich fast einreden, dass sie immer noch ein Paar waren, immer noch frisch verliebt wie damals, und dass nichts als Abenteuer und Glück sie erwarteten.
Claire versuchte, nicht an Wilhelm Roth zu denken.
Sie konnte nicht mehr an ihn als ihren Gefährten denken, wenn er es denn überhaupt jemals wirklich gewesen war. Sie wusste, dass er gefährlich war - und jetzt, da er wusste, dass sie mit Andreas geschlafen hatte, umso mehr. Letzte Nacht hatte er ihr seine Missbilligung nur allzu deutlich zu verstehen gegeben, indem er ihr durch ihre Blutsverbindung einen heftigen körperlichen Schmerz geschickt hatte.
Seine Warnung hätte nicht klarer sein können, wenn er sie direkt in ihr Fleisch geschnitten hätte. Gefährte oder nicht, Wilhelm Roth war jetzt auch ihr Feind, ebenso sehr, wie er Andreas' Feind war.
Dieser beunruhigende Gedanke verfolgte sie, als sie und Andreas ein Pralinengeschäft direkt an den Kais betraten.
„Komm“, sagte er und führte sie zu den glänzenden Glasvitrinen, die ein Pralinensortiment enthielten, das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
Claire sah ihn belustigt an. Sie wusste, dass Stammesvampire menschliche Nahrung nur in winzigsten Mengen verdauen konnten und sie normalerweise nur in Situationen zu sich nahmen, in denen sie gezwungen waren, sich als Menschen auszugeben. Was entsetzlich schade war, dachte sie beim Anblick der Pralinenkollektion, die Augen und Geschmacksknospen schwer in Versuchung führte.
„Welche möchtest du zuerst probieren?“
Sie biss sich auf die Lippe, die Entscheidung fiel ihr schwer. „Die glänzenden mit den roten Streifen sehen gut aus. Oh, und die kleinen quadratischen mit den goldenen Sprenkeln. Und die mit den Kokosflocken obendrauf.“
Während sie hin und her überlegte, kam ein zur Glatze neigender älterer Mann mit einem Stapel leerer Pralinenschachteln aus dem hinteren Teil des Ladens. Er lächelte höflich und nickte ihnen grüßend zu, als er seine Sachen hinter der Theke abstellte.
„Was für einen schönen Herbstabend wir wieder haben“, sagte er. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Die Dame würde gerne Ihre Pralinen probieren“, sagte Andreas.
„Natürlich. An welche hatten Sie gedacht, meine Liebe?“
Claire sah auf in die freundlichen Augen des Ladenbesitzers. „Kann ich die kleinen quadratischen probieren?“
Er nickte und griff in die Vitrine, um eine für sie herauszuholen. „Eine exzellente Wahl. Das ist unsere Spezialität des Hauses.“
Claire nahm einen kleinen Bissen und genoss den herbsüßen Geschmack von dunklem, hochprozentigem Kakao. Die Praline schmolz ihr wie Butter auf der Zunge. „Oh mein Gott“, murmelte sie, als in ihrem Mund eine wahre Geschmackssymphonie explodierte. „Die ist ja wunderbar.“
Der Ladenbesitzer lächelte sie an, seine Augen verweilten lange auf ihrem Gesicht, bevor er zu Andreas hinübersah. „Und Sie, Sir?“
„Nichts, danke. Aber bitte geben Sie der Dame, was sie möchte.“
Der Mann gluckste. „Eine weise Lebensphilosophie.“
Claire zeigte auf die gespritzte Praline mit den dunkelroten Streifen. „Was ist das für eine?“
„Zartbitterschokolade mit Himbeerpüree. Möchten Sie eine probieren?“
Wieder dieser musternde Blick. Und als Claire ihn jetzt ansah, kam der Mann ihr irgendwie bekannt vor.
„Entschuldigen Sie“, sagte er und runzelte die Stirn.
„Kennen wir uns?“
„Nicht dass ich wüsste.“
Er lachte leise in sich hinein und kratzte sich sein ergrautes Kinn. „Sie sehen aus wie jemand, den ich vor langer Zeit kannte. Sie sind ihr geradezu wie aus dem Gesicht geschnitten.“
„Was Sie nicht sagen?“, fragte Claire, ihre Aufmerksamkeit wanderte zu dem Namensschild aus Messing mit dem Logo des Ladens und dem Namen des Inhabers: Robert Vincent. „Ich glaube nicht, dass ich Sie kenne.“
„Es ist wirklich verblüffend. Sie sehen aus wie eine meiner Klassenkameradinnen aus der Highschool.
Sagt Ihnen der Name Claire Samuels etwas?“
Neben ihr erstarrte Andreas in einem tödlichen Schweigen. Claire blinzelte, verblüfft, ihren Mädchennamen aus dem Mund dieses Mannes zu hören. Natürlich konnte sie mit ihm in der Schule gewesen sein. Sie war zwanzig gewesen, als sie die Staaten verlassen hatte, um im Ausland zu studieren.
Ohne Wilhelm Roths Blut und die ungewöhnliche chemische Zusammensetzung ihres eigenen Körpers würde auch sie inzwischen aussehen wie eine Frau mittleren Alters. Stattdessen sah sie im Wesentlichen noch genauso aus wie vor dreißig Jahren.
„Mm... meine Mutter“, stammelte sie. „Sie müssen meine Mutter meinen.“
„Ach!“ Sein Lächeln wurde noch breiter. „Ihre Mutter, natürlich. Mein Gott, Sie könnten glatt ihre Zwillingsschwester sein.“
Claire lächelte. „Das sagt man mir immer wieder.“
„Wir sollten gehen“, warf Andreas ein, einen finsteren Untertan in der Stimme.
„Wie geht es Ihrer Mutter?“, fragte der Ladenbesitzer.
„Gut“, erwiderte Claire. „Sie lebt schon seit vielen Jahren in Europa.“
„Ich war damals in der Schule so was von verknallt in sie. Sie war das hübscheste Mädchen unserer Klasse - und auch eines der nettesten. Und meine Güte, wie sie Klavier spielen konnte! Da habe ich sie kennengelernt, müssen Sie wissen. Ich war der Assistent des Dirigenten unseres Schulorchesters.“
„Buddy Vincent“, platzte Claire heraus und erinnerte sich an den liebenswerten, aber unbeholfenen Jungen, während sie in das alternde Gesicht dieses sterblichen Mannes starrte.
„Hat sie mich etwa erwähnt?“ Er strahlte.
Andreas räusperte sich ungeduldig, aber Claire ignorierte ihn.
„Sie sind immer sehr nett zu ihr gewesen“, sagte sie zu Buddy und erinnerte sich daran, dass er oft versucht hatte, ihr das Gefühl zu geben, willkommen und etwas Besonderes zu sein - in einer Zeit, in der es alles andere als leicht war, anders zu sein als die anderen. „Es hat ihr viel bedeutet, dass Sie ihr Freund waren.“
„Ach“, sagte er und sein schmaler Brustkorb plusterte sich etwas auf. Er nahm eine der kleinen Geschenkschachteln und begann, sie mit einigen Exemplaren der beiden Pralinensorten zu füllen, die Claire ins Auge gefallen waren. „Es ist mir nie schwergefallen, nett zu einer schönen jungen Dame zu sein. Wenn Sie das nächste Mal mit ihr reden, sagen Sie Ihrer Mutter bitte, ich lasse sie grüßen.“
„Das werde ich“, sagte Claire.
Er kam zurück und reichte ihr die gefüllte Schachtel. „Lassen Sie sich die gut schmecken, mit den besten Empfehlungen.“
„Sind Sie sicher?“
„Wir bezahlen das“, sagte Andreas gleichzeitig.
„Was macht das?“
Buddy schüttelte nur den Kopf. „Ich würde nicht im Traum daran denken, von Ihnen Geld zu nehmen.
Bitte. Das ist ein Geschenk.“
Claire streckte den Arm aus und drückte ihm sanft die Hand. „Danke Ihnen, Buddy. Es hat mich sehr gefreut.“
„Alles Gute, Ihnen und Ihrer schönen Mutter.“
Claire verabschiedete sich höflich von ihrem ehemaligen Klassenkameraden, und Andreas begleitete sie in einem seltsam brütenden Schweigen nach draußen. Er schien schlichtweg verärgert.
„Bist du... eifersüchtig?“
Er stieß ein Schnauben aus. „Ich bitte dich.“
„Du bist eifersüchtig!“ Claire warf den Kopf zurück und lachte. „Oh, ich glaub's einfach nicht. Wenn du durch eine Menge gehst, drehen sich alle nach dir um, Frauen und Männer. Und sobald ich zufällig einem harmlosen alten Mann auffalle...“
„Kein Mann ist harmlos, Claire.“
„Buddy Vincent ist mindestens fünfzig und zahm wie ein Kätzchen“, bemerkte sie, immer noch lächelnd und zutiefst belustigt.
„Er ist trotzdem ein Mann.“ Jetzt knurrte Andreas fast. „Und übrigens beobachtet er uns immer noch.“
„Ach ja?“ Claire packte ihn vorn am Hemd, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Warum hörst du dann nicht einfach auf, ihn anzuschauen, und küsst mich lieber?“
Mit einem finsteren Blick, der mehr als Küsse verhieß, tat Andreas genau das.